Dienstag, 6. März 2018

Wieder im Blickfeld: Michael von Brück zu Jenseitsvorstellungen in Europa und Asien

Michael von Brück:
Ewiges Leben oder Wiedergeburt?
Sterben, Tod und Jenseitshoffnung
in europäischen und asiatischen Kulturen.

Freiburg u.a.: Herder 2007, 318 S.
Als Paperback neu aufgelegt 2012, 320 S.
--- ISBN 978-3-451-06469-2 ---
Das Thema Tod gehört zu den existentiellsten, aber oft auch beiseite geschobenen Fragen. Dennoch gibt es seit längerer  Zeit kontinuierlich Publikationen in diesem Bereich. In besonderer Weise hat dazu die schwweizerisch-amerikanische Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross (1926-2004) beigetragen. Die  größere Zahl der Veröffentlichungen liegt zum einen auf einer mehr esoterischen Linie, zum anderen boomt die Ratgeberliteratur.  Die Fragen nach Tod und Sterben werden insgesamt intensiver in der Öffentlichkeit wahrgenommen, aber sie gelten immer noch als Tabu-Themen. Das 2007 erschienene Buch des Münchener evangelischen Universitätstheologen Michael vonBrück (geb. 1949) geht einen anderen Weg: Europäische Versuche der Todesüberwindung werden mit den Jenseitserwartungen asiatischer Traditionen in Verbindung gebracht. Von Brück ist dafür gewissermaßen prädestiniert, weil er schon in seinen bisherigen Büchern wissenschaftliche Sorgfalt mit spirituellem Einfühlungsvermögen und interreligiöser Offenheit verbindet.
In der Einleitung äußert er sich zu Fragen der unterschiedlichen kulturellen Verständnisse von „Tod“, Nah-Toderfahrungen.  Hier geht er auch auf den Zusammenhang zwischen privatem und sozialem Tod ein, der von den kulturellen Voraussetzungen unserer Gesellschaft geprägt ist. Ausführlich schreitet er dann drei Themenkreise ab:

1. Der Mythos der Todüberwindung im Mittelmeerraum und Europa, im hinduistisch-budhistischen Raum und in China. 
   Hier erstaunt die mythische Vielfalt.  Der Weg geht vom antiken Griechenland, über  biblische Schwerpunkte bis hin zu Renaissance und Aufklärung. Von Brück zeigt die Veränderungen im 19. Jahrhundert an. Aber ebenso beschreibt er die in den Göttern Vishnu und Shiva sich ausdrückenden Kosmologien und Bewusstseinszustände menschlicher Existenz.

2. Riten der Sterbe- und Bestattungskulturen unter Rückbezug auf den antiken Mittleren Osten, Ägypten und Griechenland sowie das frühe Christentum
Das ist der zweite Themenkreis, den der Autor bis hin zu neuen Entwicklungen in der Darstellung religiöser Varianten der „ars moriendi“ abschreitet. Eine Besonderheit ist dabei sein Blick auf die Musik und die Requiems bzw. Kantaten von Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Johannes Brahms und Hans Werner Henze. Diesen "Sterbemessen" setzt er den Opfercharakter im Hinduisimus und die Stufen des Sterbens im Buddhismus gegenüber. Sie zeigen sich rituell verdeutlicht in den karmischen Kreisläufen des Lebens.

3. Unter eschatologischen Gesichtspunkten  steht das „Das Geheimnis als Hoffnung“. 
Hier kommen die Themen Angst, Schicksal, Leere, Sinnlosigkeit, Schuld, Verdammung als Rahmenfelder des Todes zur Sprache. Paul Tillich spielt für von Brück dabei eine wichtige Rolle. Der Auferweckung der Toten im christlichen Bereich stellt er intensiv differenzierend Reinkarnationsvorstellungen aus Asien gegenüber, um in einem ausführlichen Schlussteil Relationen zwischen Erleuchtung im Buddhismus und Christentum aufzuzeigen. Dabei kritisiert er zwar einzelne Reinkarnationsvorstellungen Indiens zu kritisieren. Dabei (ver-)urteilt er jedoch nicht abgrenzend,  wie das im Christentum leider immer noch geschieht. Es geht ihm darum, auf die eine Wirklichkeit im Leben und Sterben hinzuzielen und damit faktisch einem dualistischen Verständnis von Leben und Tod, Diesseits und Jenseits den Abschied zu geben. Die verschiedenen Religionen haben dabei längst Gemeinsames entdeckt:
Sterbekulturen im Horizont der Einen Wirklichkeit
„In tieferen Bewusstseinsschichten entsteht eine Bewusstheit, in der es keinen Dualismus von erkennendem Menschen und erkanntem Gott gibt. Auferstehung ist die Erfahrung dieser Einheit jenseits der Zeit, und wo keine Zeit ist, ist auch kein Tod. Was jenseits des Todes ist, wissen wir nicht … Da das Bewusstsein in einen ‚Raum’ der Zeitfreiheit eintreten kann, ist es nicht unvernünftig anzunehmen, dass auch im Tod der Übergang in eine andere Bewusstseinsintensität geschieht, die an ‚feinstoffliche’ Prozesse gekoppelt ist, die im Tod neu konfiguriert werden“ (S. 306).
Den Umgang mit dem Tod drücken in diesem Zusammenhang Symbole aus, die auf Verbindlichkeit und Hoffnung weisen, wie z.B. Baum, Ähre, Blume, Blüte, blaue Blume, Efeu, Ginkgo-Baum, Kreuz, Lilie, Samenkorn, Schmetterling und Sonne (S. 197–201).
Michael von Brück kommt sicher zugute, dass er nicht nur Religionswissenschaftler und Theologe ist, sondern dass seine Indien-Erfahrungen sowie seine in Japan gelernte Zen-Praxis es ihm ermöglichen, sich in andere Sterbekulturen hineinzudenken. Sein Ansatz ist darum nicht eine Differenz-Hermeneutik zwischen Ost und West, sondern ein abwägendes und konvergierendes Verstehen der „Einen Wirklichkeit“. Sie ermöglicht unterschiedliche kulturelle Auslegungen und Einübungen ins Sterben, aber nie müssen fundamentale Gegensätze behauptet werden.
Bilanz
Es gibt wenige Bücher, die so umfassend und zugleich geschichtlich so grenzüberschreitend Zeiterfahrung im Blick auf Leben, Sterben, Tod und Auferstehung bzw. Wiedergeburt beschreiben und verdeutlichen, wie das Verlassen des Reinkarnationskreislaufs stattfindet. Von Brück bezieht sich dabei interessanterweise direkt und indirekt mehrfach auf 
John Hick: „Death and Eternal Life“ (1976) und "The Fifth Dimension" (1999):
Tod und ewiges Leben und Die fünfte Dimension

und Helmut Zander --„Geschichte derSeelenwanderung in Europa“.
Darmstadt: Primus [WBG] 1999. Inhaltsverzeichnis: hier
Diese Referenzen sind für den Theologen von Brück Impuls, die LeserInnen nicht einfach distanziert religionswissenschaftlich die verschiedenen Antworten auf die Grundfragen von Leben, Sterben und Tod in Vergangenheit und Gegenwart überlassen. Sie müssen auch keineswegs versuchen, "richtige" Einordnungen in die Todesverständnisse des Mittelmeerraumes bzw. Südasiens und Ostasiens vorzunehmen. Vielmehr lässt von Brück die Lesenden existentiell an diesen Fragen teilhaben und lädt indirekt zu eigener persönlicher Lebensorientierung im Horizont des Todes ein. Die zahlreichen Quellen der verschiedenen Religionen zeigen nämlich an, wie kreative Hoffnung aus der alles umfassenden, den Tod übergreifenden Wirklichkeit quillt. 
Wahrhaftig, ein beeindruckendes Buch!

Ergänzende Hinweise

                                                                                                                     Reinhard Kirste
Rz-Brück-Ewig-Leben

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