Mittwoch, 14. Februar 2018

Buch des Monats Februar 2018: Islamische Extreme und psychoanalytische Zugänge (aktualisiert)

Fethi Benslama: Psychoanalyse des Islam.
Wie der Islam die Psychoanalyse auf die Probe stellt.
Originaltitel: La psychanalyse à l'épreuve de l'Islam
Übersetzung aus dem Französischen:
Monika Mager, Michael Schmid
[teilweise recht kompliziert!]

Résumé français au bout du texte allemand !
Berlin: Matthes & Seitz 2017, 352 S.
--- ISBN: 978-3-95757-338-4 --- 
Konferenz mit Fethi Benslama im Rahmen der 
QUATRIEME GROUPE – Organisation psychanalytique de langue française
– am 29.11.2008 in Lyon (31 S.):
Fethi Benslama  (geb. 1951 in Tunis) führt mit diesem grundlegenden Werk in bisher zu wenig beachtete Wesensstrukturen des Islam mit seinen unterschiedlichen Ausprägungen ein.  Als Psychoanalytiker aus der Freud’schen Schule geht er den Gründungsmythen und den Glaubenspraktiken des Islam im Kontext gegenwärtiger Konflikte und fundamentalistischer Gewalttaten nach. Sein Buch stellt „den Versuch dar, die Gründe für die aktuelle Krise des Islam zu erhellen, indem es die Methode der Psychoanalyse auf die Tatsachen einer Zivilisation (sc. die islamische) anwendet“ (S. 323). Der Autor bietet damit spannende, zum Teil ungewohnte Zugänge zu einem variantenreichen Islam. Dies geschieht im Horizont einer von Fundamentalisten eingeforderten absoluten Deutungshoheit über den Koran und in Abwehr der als ungläubig-gottlos angesehenen westlichen Moderne.

Klärungen
Benslama bezieht sich in seiner Darstellung auf Sigmund Freud und dessen Betonung, dass Gott ständig gegenwärtig und nahe ist. Dem steht im Islam ein Gottesbild vom Erhabenen und Fernen gegenüber. Damit wird auch der Gedanke eines Vatergotts ausgeblendet. Benslama sieht dies weitgehend als konstitutiv und typisch für den Islam. Diese Tendenz wirkt bis in die jungfräuliche Mutter des Propheten Jesus hinein. Jesus hat – so gesehen – keinen Vater!
Vier „Signifikanten“ gilt es nach Benslama zu unterscheiden (S. 21f):
1.   „Die muslimische Religion als Glaube, Dogma und Ritual; sie ist verankert im Phänomen der Offenbarung des Textes des Koran und in der Tradition des Propheten …
2.   Die Muslime in ihrer Verschiedenheit im Hinblick auf ihre Art zu leben …
3.   Der normale Fundamentalismus, den es schon immer gab und der unter Berufung auf die ursprüngliche Botschaft die strikte Anwendung der islamischen Vorschriften propagiert …
4.   Die politischen Bewegungen, die den Staat ganz für sich in Anspruch nehmen wollen, die den Islam nicht nur als eine Religion verstehen, sondern auch als eine Ideologie und ein Regierungssystem“
Der verlorene Vater und die Wahrheit des Ursprungs
Nun ist in der Moderne die Religion nicht verschwunden, vielmehr aus einer Art Schlaf wieder und beunruhigend erwacht. Darum gilt es, die „Wurzeln des Islam“ zu erforschen, die der Autor unter dem Gesichtspunkt des Unbewussten deutet. Von daher muss nach der „Wahrheit des Ursprungs“ gefragt werden, denn sie holt die heutigen Muslime offensichtlich unausweichlich ein.
Unter psychoanalytischen Gesichtspunkten beschreibt Benslama bestimmte Brennpunkte“ des Islam-Verständnisses, und zwar von den Anfängen bis in die Gegenwart: „Das Konzept der Rückkehr ist das Herzstück der islamischen Hermeneutik, für die der Ursprung wiedergefunden werden kann, insofern er im Akt seiner Repräsentation verloren und verborgen ist“ (S. 48). Das heißt aber auch: Die Gegenwart wird nur noch aus der Vergangenheit interpretiert. Nun betont Sigmund Freud: „Es ist die Religion des Urvaters, an die sich die Hoffnung auf Auszeichnung und endlich auf Weltherrschaft knüpft“ (Der Mann Moses. Bibliothek Suhrkamp 1968, S. 112). Auf dieses Konzept Freuds von Moses, dem Ägypter stützt sich nun der Psychoanalytiker. Damit wird die Vorstellung des absoluten göttlichen Vaterwillens bei der Entstehung des Monotheismus virulent und: „Der Mann Moses“ und seine Religion gewinnt in der weiteren Argumentation zentrale Bedeutung. Denn: der Islam will sich den verlorenen Ur-Vater quasi wieder aneignen (S. 117) – und dies in einer Religion, „in der Gott nicht der Vater ist“ (S. 119). Der höchst dramatische Kontrapunkt ist jedoch, dass im Islam die Verstoßung vom Vater eine entscheidende Rolle spielt. Das belegen die Kontroversen rund um Ismael und Hagar. Nun ist Hagar jedoch aus den Gründungstexten des Islam entfernt worden (S. 172). Das bedeutet verschärfend, dass auch die Stammmutter dieser Religion faktisch verleugnet wird. Die Konsequenzen sind aus psychologischer Sicht erheblich, denn die Frau / das Weibliche wird dadurch zum Wesenselement religiöser Zurückdrängung.
Die Stellung der Frau
Orientalisches Denken zeigt, dass die Frau mit ihrem Wesen, mit ihrem Körper, überhaupt mit ihrer erotischen Anziehungskraft in gewisser Weise eine dominierende Rolle spielt: „Die Verschleierung beruht dann auf einer theologischen Aktion des Verpackens der Frau, um sie zu neutralisieren. Hierin liegt eine Methode des Dazwischentretens, um die Monstration durch die Frau zu beenden und der Frau als Monster mit ihren unanständigen Reizen entgegenzuwirken.“ Es ist in des Wortes originaler Bedeutung eine De-Monstration der Frau (S. 199). Hintergrund ist das Verständnis Mohammeds, der nur durch die Hilfe seiner glaubenden Frau Chadidscha zur Erkenntnis des Göttlichen kommt (S. 208f). So verweist Benslama auf die kritische Stellung der Frau als Quelle der Angst vor Veränderung im Horizont des Begehrens. Darum folgt „zwangsweise“ bald eine Kehrtwendung, die sich bis in die Gegenwart des islamischen Glaubensverständnisses durchhält. „Die Theologie stellt den Männern eine für sie heilsame Aufgabe: die Arbeit an der Wahrheit oder die Verschleierung der Frau“ (S. 215). Da aber die Wiederkehr der Wahrheit vom Ursprung im Sinne Freuds quasi unausweichlich ist, heißt die Männerreaktion: Sanktionierung. So wird der Frau verboten, ihren Kopf bzw. die Haare zu zeigen, denn dort liegt der Ursprung der Wahrheit. Der Streit um die Wahrheit ist ein Streit um die „Wahrheit des Körpers und den Körper der Wahrheit“, zugespitzt: Es könnte herauskommen, „dass der Islam im Grunde versucht hat, seine eigene ursprüngliche Weiblichkeit von sich abzutrennen“ (S. 220). Eine spannende Variante bilden hier die Geschichten von 1001 Nacht, in der der Mann seine volle Souveränität über die Frau genießen will und das Genießen der Frau verweigert. 1001 Nacht spielt sich zwischen zwei Frauentypen ab, Sherazade verkörpert die „Andere“, die dem Herrscher hilft, seine Traumata zu bewältigen und aus den Zwangshandlungen, Jungfrauen zu töten, heraushilft. Sie ermöglicht ihm die Befreiung aus seinem männlichen Narzissmus.
Opfer und Individuaität
Wichtiger Zeuge wird für den Autor immer wieder Ibn Arabi, dessen Mose-Interpretation ihn sogar an Freud erinnert, besonders die Bedrohung des Mose-Kindes durch den Pharao: „Es ist bemerkenswert, wie Ibn Arabi beim Thema >Moses<, ein Denken des Kindseins mit freudianischen Tönen erklingen lässt. Man könnte glauben, dass die Mosesfigur in so weit entfernten Zeiten, in einem so anderen Wissen und in einer so unterschiedlichen Zivilisation dem Fragenden … dieselbe Antwort überreicht: das unzerstörbare Kindsein als Begehren des Anderen, als heterogene Macht zur Erhebung gegen den Tyrannen“ (S. 286). Auch die christliche Weihnachtsgeschichte nimmt dieses Motiv wieder auf: König Herodes fühlt sich durch das Jesuskind als Retter der Welt bedroht. Das Kind – so Benslama – wird im Zentrum der Lebensgefahr eingesetzt. Das Matthäusevangelium stellt dazu verdeutlichend die Analogie Pharao – Herodes und Moses – Jesus her.
Warum aber spielt bei Moses die Ermordung eines anderen und dann auch bei Kain und Abel der Brudermord, also das Zerstörungspotential, eine so wichtige Rolle? Benslama folgert: „Der Bruder [Abel] würde für Kain „ein idealer richtender Vater, was die erschreckende Position des unschuldigen Märtyrers herbeiführt“ (S.293). Kain wird nun zum Repräsentanten eines von Hass gesteuerten Narzissmus, „der die Trennung der idealen Einheit der Identität verweigert und seine Weiblichkeit behalten will, indem er in seinem Mitmenschen, seinem Bruder, einen Verfolger sieht“, der ihm sein Anderssein wegnimmt (S. 293). Der Koran macht ja in seinen Texten deutlich, dass es ursprünglich eine androgyne Gattung gibt, eine Dualität im Menschsein: Mann/Frau entspringen als Paar (vgl. Sure 53,45), das sich jeweils verdoppelt. Hier tut sich eine Subjektivität auf, die signalisiert, wie stark psychologische Zusammenhänge in der islamischen Tradition faktisch wirken. Diese werden in den gegenwärtigen islamischen wie psychologischen Debatten jedoch weitgehend missachtet, obwohl der Islam „Individualität mächtig und begrifflich reich entwickelt“ hat (S. 307).
  
Bilanz
Angesichts der dramatischen und gewalttätigen Ereignisse im „Namen des Islam“ ist es notwendig, Grundmuster und Entwicklungsveränderungen innerhalb des Islam systematisch zu bedenken. Und so hat sich für den Muslim und Psychoanalytiker Fethi Benslama mit Hilfe von Sigmund Freud die Sichtweise auf diese monotheistische Religion verändert. Der Begründer der Psychoanalyse und besonders sein Religionsverständnis im Kontext von “Der Mann Moses“ weiterzuführen, scheint darum eine hilfreiche Annäherungsweise zu einem besseren Verständnis „des“ Islam und seinen gewaltsamen Auswirkungen zu sein.
Mehr noch: Hier liegt ein Ansatz vor, der eine für viele unerwartete Nähe von Islam und Psychoanalyse eröffnet. Die Spannung liegt darin, dass das Subjekt der Tradition (und damit auch der Einzelne innerhalb dieser Tradition) einer theologisch-politischen Organisation unterworfen [ist], deren Absicht die Übereinstimmung zwischen der menschlichen Identifizierung der Individualität mit Gott und dem Bereich der Politik ist. Sie [= diese Organisation] möchte das Seelenleben und den Staat zugleich steuern“ 
(S. 308).
Hier einen neuen Weg zu gehen, setzt allerdings die Bereitschaft aller Beteiligten voraus, ihre jeweiligen kulturellen und religiösen Traditionen kritisch zu befragen. Benslama hat dazu „
den Ursprung des Islam in die Sprache der Dekonstruktion Freuds“ übersetzt (S. 325). Ein wahrhaft kühnes, aber durchaus hoffnungsreiches Unterfangen! 

Eigentlich möchte man den deutschen Untertitel noch einmal drehen: Wie die Freud‘sche Psychoanalyse den Islam auf die Probe stellt und zu neuem Denken herausfordert. Vielleicht bahnen sich hier sogar erste Ansätze für die Therapierung religiöser Zwänge und festgefahrener Vorstellungen an. 
Genau genommen wird an den Analysen dieses Buches künftig kein christlich-islamischer Diskurs vorbeikommen …

Weitere Veröffentlichungen und Besprechungen
von und zu Fethi Benslama:

Radikalisierung und Opfer im fundamentalistischen Islam: hier


Résumé français
Compte tenu des événements dramatiques et violents au nom de l'Islam, il est nécessaire de considérer systématiquement les modèles de base et les changements évolutifs au sein de l'Islam. C'est pourquoi  le musulman et psychanalyste Fethi Benslama montre une autre vue sur cette religion monothéiste -  avec l'aide de Sigmund Freud:  Poursuivant le fondateur de la psychanalyse il se concentre sur la compréhension de cette religion dans le contexte de "L'Homme de Moïse" il lui semble  par cette manière une approche utile pour une meilleure intelligence de "l'Islam" et de ses implications violentes.
De plus, c'est une approche qui ouvre la porte à de nombreux rapprochements inattendus de l'Islam et de la psychanalyse. La tension est que le sujet est soumis à la tradition (et aussi l'individu dans cette tradition) et à même temps joint avec une organisation théologico-politique dont le but est la correspondance entre l'identification humaine de l'individualité avec Dieu et le domaine politique. Elle [cette organisation] veut contrôler la vie de l'âme et l'état en même temps (p.308, texte allemand).
Toutefois, pour emprunter une nouvelle voie, il faut que toutes les personnes concernées soient disposées à remettre en question leurs traditions culturelles et religieuses. Benslama traduisait «l'origine de l'islam dans le langage de la déconstruction de Freud». C'est une entreprise vraiment audacieuse, mais pleine d'espoir!
Á vrai dire, on aimerait tourner le sous-titre allemand de nouveau: comment la psychanalyse freudienne met l'islam à l'épreuve et le met au défi d'une nouvelle pensée. Peut-être les premières approches pour le traitement des compulsions religieuses et des idées impasses se préparent ici ...

Reinhard Kirste

Rz-Benslama-Psycho-Islam, Februar 2018


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