Samstag, 1. Juli 2017

Ein Titel von 2008 als Buch des Monats Juli 2017: Arabisch-europäische Kulturvernetzung

Alfred Schlicht: Die Araber und Europa.
2000 Jahre gemeinsamer Geschichte.           
Stuttgart: Kohlhammer 2008,
8 Karten, 226 S., Zeittafel, Register, leider keine Bibliografie.
Angesichts der vielen jährlichen Neuerscheinungen auch auf dem Fachbuchsektor ist es immer wieder notwendig, „ältere“ Veröffentlichungen in den Fokus zu rücken. Das gilt auch für das hier vorzustellende Buch des Orientalisten Alfred Schlicht. Als Diplomat im Dienst des Auswärtigen Amtes verbrachte er seit 1986 viele Jahre im Nahen Osten – in Beirut, Kairo und Amman und auch in Sanaa (Jemen).
Seine Publikationen beschäftigen sich engagiert mit der arabisch-islamischen Kultur –zugleich mit einem Blick auf Europa, so in:

In seinem Buch von 2008 über die arabisch-europäischen Beziehungen betont der Autor  die gemeinsame Geschichte diesseits und jenseits des Mittelemeers. In sachlicher Vorwegnahme seines neuesten Buches ist es bereits eine positive Antwort auf die Frage: Gehört der Islam zu Europa? In 11 chronologischen Kapiteln belegt er diese Zusammenhänge der arabisch-europäischen Kulturvernetzung.


Das 1. Kapitel bildet dazu einen Vorspann: Frühe arabische Staaten und antike Großmächterivalitäten mit kurzen Blicken auf die Nabatäer, die Römer und die Perser. Im 2. Kapitel geht es um die Entstehung und die welthistorische Ausbreitung des Islam – mit Folgen für das Christentum, verbunden mit der entstehenden Spannung zwischen „Abendland“ und „Morgenland“. Das 3. Kapitel beschreibt die kulturelle Blüte unter arabischer Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel und in Italien. Die wichtige Transferfunktion griechisch-antiker Philosophie durch die arabischen Übersetzer und Philosophen und der Aufstieg islamischer Universitäten (wie Kairo und Fes) kommen dabei etwas zu kurz.  Das 4. Kapitel geht auf Spannungen, Konflikte und Arrangements innerhalb der mittelalterlichen islamischen Welt und Europa ein. Diese führt Schlicht exemplarisch an Harun al-Raschid und Karl d. Gr. vor. 
Das 5. Kapitel ist den politisch-militärisch-spirituellen Aktionen der Kreuzzüge gewidmet.
Die 6. und 7. Kapitel zeigen auf der einen Seite die großen geografischen Entdeckungen Europas bis in den Fernen Osten und auf der anderen Seite die Veränderungen der islamischen Welt durch den Aufstieg der Osmanen und den damit verbundenen türkischen Weltherrschaftsanspruch. Dieselbe imperiale Politik spiegelt sich auch seit Napoleon in der Kontrollübernahme von Nordafrika und dem Nahen Osten durch europäische Kolonialmächte, auf die der Autor im 8. Kapitel eingeht. Damit weitet Schlicht den Blick in die Neuzeit bis hin zur Gegenwart.
Im 9. Kapitel folgen die arabischen Aufbrüche und nationalen bzw. nationalistischen Bestrebungen im 19. Jahrhundert. In Europa entwickelt sich gleichzeitig eine erstaunliche Orientfaszination. 

Die kolonialen Folgen für die gesamte mittelöstliche Region, die Dauerspannungen und Konflikte, besonders seit der Balfour-Deklaration 1917, die Gründung des Staates Israel, Deutschland zwischen Juden und Arabern und die postkoloniale Phase in Nordafrika und dem Nahen Osten werden im 10. und 11. Kapitel skizziert. Den Blick auf die spannungsreiche Gegenwart verstärkt der Autor durch die Darstellung der Region im Ost-West-Konflikt und angesichts der Veränderungen seit 1989. So tritt die Auseinandersetzung mit dem Westen deutlich hervor. „Der Islam“ als verbindende Ideologie entwickelt sich dadurch mehr  zur politischen Gegenposition des „Westens“.

Der Epilog stellt eine Art Bilanz im Sinn einer faktischen arabisch-europäischen Symbiose dar (S. 200–204). Zu den Wirkungen des Verhältnisses von Arabern und Europa in der Literatur (etwa auch in der Poesie) finden sich im Grunde nur einige kommentierte Literaturhinweise (S. 205–206).
Auch wenn die Analysen des Autors bereits 2008 enden, lässt sich doch durchgehend die Aktualität des Themas spüren. Eine solche relativ knappe Darstellung hat natürlich Defizite. Dadurch wird die religiöse und politische Entwicklung vom Iran, über Zentralasien bis Indien als Gegengewicht zur arabischen Welt weitgehend ausgeblendet (vgl. S. 15), auch die bedeutenden Zusammenhänge orientalischer und europäischer Literatur (man denke nur an Poesie und Erzählkunst) vermisst man in der kleinen Literaturkommentierung am Schluss (vgl. S. 205–206).
Das alles ändert jedoch insgesamt nichts daran, dass Alfred Schlicht wichtige Grundlagen für ein besseres Verständnis der Wechselwirkungen zwischen arabischer Welt und Europa aufgezeigt hat.
Leseproben aus: Alfred Schlicht – Die Araber und Europa:
--- Christen als Untertanen des islamischen Staates und Kultur des Islam, S. 25ff  
--- Die Araber in Europa: Al-Andalus und Italien - Al Andalus und Europa, S. 38ff
--- Das Mittelmeer: Handel und Krieg im Spannungsfeld europäisch-arabischer Beziehungen (S. 52ff)
Zur vertiefenden Lektüre:
1.  Monika Walter: Der verschwundene Islam. Für eine andere Kulturgeschichte Westeuropas.
     Paderborn: Wilhelm Fink 2016, 533 S.

     Rezension:
https://buchvorstellungen.blogspot.de/2017/02/buch-des-monats-marz-2017-der-islam.html
2.  Monika Gronke: Geschichte Irans. Von der Islamisierung bis zur Gegenwart.
     München: C.H. Beck [2003], 2016, 5. Aktualisierte Auflage, 128 S. --- Inhaltsverzeichnis und Leseprobe:

      
https://books.google.de/books?id=PZmhuRFtPS0C&pg=PR1&hl=de&source=gbs_selected_pages&cad=2#v=onepage&q&f=false
3.  Gudrun Krämer: Geschichte des Islam. München: dtv, München 2008, 317 S.
      Inhaltsverzeichnis und Leseprobe:

        http://www.buecher.de/shop/einfuehrungen/geschichte-des-islam/kraemer-gudrun/products_products/detail/prod_id/22828950/
Reinhard Kirste


Rz-Schlicht-Araber-Europa, 30.06.17 

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