Samstag, 13. Mai 2017

Facetten von Gurus und "vollkommenen Meistern" - Shirdi Sai Baba und Sathya Sai Baba

Chandra Bhanu Satpathy:
Shirdi Sai Baba und andere vollkommene Meister.

Aus dem Englischen übersetzt von Dietrich Kebschull.
Odisha, Indien: Vision Printers 2014, 146 S., Abb.,
(etwas defizitäres) Glossar.
Originaltitel: Shirdi Sai Baba and other Perfect Masters. Sterling Publishers 2001

Der Autor C.B. Satpathy Ji (geb. 1948 in Chuttuck, Orissa, Indien), der sich selbst als Guru Ji versteht, arbeitete bis zu seiner Pensionierung 2008 im Polizeidienst. Bereits als Kind kam er mit den Besonderheiten indischer Gurus und deren oft erstaunlichen Wundertaten in Berührung. Besonders aber beeindruckte ihn der Guru Shirdi Sai Baba. Es handelt sich hier um einen Ausdruck der Verehrung. Das gilt generell für die Ehrentitel-Verbindungen mit: Shri, Sai, Baba und dann auch kombiniert: Shri Sainath Maharaj.[1] Der Verehrte wurde 1838 oder 1856 in Shirdi (nahe Mumbai/Bombay) geboren, darum auch sein Name Shirdi Sai Baba. Er starb 1918 ebendort.
Die Bedeutung der „vollkommenen Meister“
Über diesen Meister hat Sapathy nun ein Buch verfasst. In seinem Glaubensverständnis sieht er ihn in das göttliche Wirken aller „vollkommenen Meister“ eingebunden. Diese spiegeln in besonderer Weise das Selbst Gottes in ihrer Person wieder. Im Buch wird einleitend einiges zu den vollkommenen Meistern, den Sadgurus, erläutert: Sie planen und bewirken Ereignisse, die die Welt verändern, was man z.B. an Mose, Jesus, Mohammed und Guru Nanak sehen kann. Die Sadgurus schreiben unsichtbar Geschichte (S. 13), haben aber immer auch Vermittler, um die Vollkommenheit in der Welt zu erreichen. Das sind dann Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi oder Paramahansa Yogananda (1893–1952).
Autor und Übersetzer: Von Shirdi Sai Baba bewegt sein
Mehr und mehr taucht Satpathy in diese Welt der Gurus ein. Er wird schließlich Anhänger von Shirdi Sai Baba. Seit 1989 steht er auch an der Spitze der gleichnamigen Bewegung in der ganzen Welt. Die von diesem Guru ausgehenden Wirkungen beziehen sich nicht nur auf eine meditative Spiritualität der Anhänger, sondern verändern auch umgebende Gesellschaft. Inzwischen gibt es mehr als 200 Tempel in Indien und auch im Ausland, in denen Shirdi Sai Baba verehrt wird. Eine Reihe von Schulen, Hochschulen, Krankenhäuser und Veterinärkliniken tragen seinen Namen, weil sie den Grundsätzen, Lehren von Shirdi Sai Baba folgen und diese auch durch soziale und schulische Hilfsprojekte gesellschaftlich umsetzen. C.H. Satpathy wirkt dabei als intensiver Promotor. Dazu publizierte er zahlreiche Bücher, Artikel und CDs in verschiedenen Sprachen. Es liegt ihm daran, dass alle Anhänger (devotees) von Shirdi Sai Baba umfassend über den Meister informiert sind und jeden Tag auch seine Texte meditieren. Der Shri Sanath Sai Baba Trust organisiert und koordiniert alle mit dem großen Meister zusammenhängenden Aktivitäten.[2]
Interessanterweise sah sich auch der teilweise sehr umstrittene Sathya Sai Baba (1926–2011)[3], der auch im Westen durch seine „Wunder“ (besonders mit heiliger Asche) sehr bekannt wurde, als Reinkarnation von Shirdi Sai Baba. Allerdings geht das Buch auf diesen Zusammenhang nicht ein.
Der Übersetzer, Dietrich Kebschull ist ein anerkannter Ökonom und Vermittler von Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Indien sowie Träger des Bundesverdienstkreuzes. Er lebt seit über 25 Jahren in Indien. Ihn fasziniert die direkt mit dem Alltag verbundene intensive Gläubigkeit der Inder, wie er im Vorwort betont. Die deutsche Übersetzung der Geschichten um Shirdi Sai Baba und einiger weiterer Gurus wird von C.P. Satpathy aus der Sicht eines Verehrers geschrieben und ist darum eher als eine Art Glaubenszeugnis zu lesen.
Shirdi Sai Baba – Leben und Wirkung
Nun weiß man allerdings kaum etwas über Sai Babas Herkunft, seine Eltern und seine Familie, auch nicht, wie er mit seinem originalen Familiennamen hieß.  „Sai Baba“ ist ein Ehrentitel für einen Avatar[4] sowie für einen spirituellen Lehrer und Meister. Im Buch erfahren die Leser/innen nun die Annäherungen an das „Heiligen-Bild“ des Shirdi Sai Baba. Als junger Mann mit etwa 16 Jahren trat er zum 1. Mal in Shirdi auf und meditierte weltabgewandt und in strenger Askese unter einem Neembaum (Niembaum). Für die Menschen dort war es höchst erstaunlich, dass er schon in seiner Jugend durch extreme Bußübungen sein Leben gestaltete. Zwischendurch war er einige Zeit fort und kam dann für immer in seine Heimatstadt zurück, in der er auch viele Wunder tat. Dazu gehört besonders, dass er Menschen mit heiliger Asche (von Verstorbenen) heilte. Heute kommen zum Schrein des Heiligen – so sagt der Autor – täglich etwa 30.000 Menschen.
Im Hauptkapitel des Buches (S. 25-82) versucht der Autor den Lesenden Shirdi Sai Baba näher zu bringen. Dies geschieht – sehr persönlich beschrieben – zuerst durch eine Kassette, die sich Satpathy auslieh. Eine Art innerer Berufung wurde später die Lektüre einer Biografie des Meisters von Shri Sai Satcharita, die der Autor auf dem Weg nach Shirdi las (S. 73-77). Es ist eine Lebensbeschreibung, die er in höchsten Tönen lobt und die ihn tief bewegt.[5] Die Besonderheit von Shirdi Sai Baba hebt Satpathy nun dadurch heraus, dass er nicht nur auf die früheren Leben des Meisters verweist, sondern auch, dass dieser bereits in seinem Leben seinen Körper für drei Tage verließ und dann zurück in das „normale“ Leben trat. Aber die Wirkungen gehen auch über sein irdisches Leben weit hinaus: Das zeigt sich in der Einführung des Urs-Festes, das jährlich am Todestag des Sufi-Heiligen Khwaaja Muin-du-Din Chishti (1141-1230) in Ajmer (Rajasthan) gefeiert wird. Hinzu kam eine Sandalenprozession und dann die Veränderung des Urs-Festes in das Rama Navami (Geburtstagsfest des Gottes Rama). Bei diesem Fest spielt die Sandalenpaste eine wesentliche Rolle. Sie wird in eine große Schale getan und in einer Prozession mit Trommeln und Zimbeln zu einem der Schreine, dem Dwarkamai (eine Moschee), getragen. Die Mauern werden dann mit dieser Paste bestrichen. Hier taucht auch wieder der Neembaum (Niembaum) auf, unter dem der Heilige in seiner Jugend meditiert hatte. Dieser Baum gilt in Indien generell als heilig. Seine Wirkstoffe werden auch in der westlichen Medizin und im Pflanzenschutz sehr geschätzt.[6]
Die Festrituale zeigen sehr schön die tolerante und interreligiöse Haltung von Shirdi Sai Baba, weil die Gebetsorte aller Religionen für ihn heilige Orte waren und alle Religionen Offenbarungen des Göttlichen erleben – hier besonders im Blick auf Hindus, Muslime und Parsen. Das kam auch immer wieder in den Reden und Handlungen des Meisters zum Ausdruck.
In die Wirktradition von Shirdi Sai Baba wächst der Autor auch durch mancherlei, auch erstaunliche Begegnungen und Wunder hinein, bis er schließlich die Führung der Sai-Baba-Bewegung übernimmt. Erfüllt vom immerwährenden Geist Sai Babas weiß er, dass die Anhänger des Gurus ihn in großer körperlicher Gestalt sehen, sozusagen der materialisierte göttliche Geist und damit „Purusha“, der wahre Mensch, der keine Eltern braucht, um geboren zu werden, ähnlich wie Jesus, der von der Jungfrau geboren wurde! Der Autor weicht den Fragen zu solchen Wundern allerdings aus, indem er auf die Wirkungen von Jesus und Shirdi Sai Baba gleichermaßen verweist, sind sie doch angetreten, um das Leiden der Menschen zu mildern! (S. 58f)
Vollkommene Meister/innen und Heilige (S. 85–142)
Satpathy stellt in der 2. Hälfte des Buches weitere heilige Persönlichkeiten vor, „vollkommene Meister“, aus verschiedenen Epochen. Er bringt sie direkt und indirekt mit Shirdi Sai Baba in Verbindung. All diese Heiligen spielen offensichtlich für die spirituelle Entwicklung des Autors eine besondere Rolle.
Hier handelt es sich um Kurzbiografien von Heiligen, deren irdisches oder „geistiges“ Wirken sich meist an bestimmten Orten mit entsprechenden Tempeln und Schreinen in Indien und teilweise auch im Ausland lokalisieren lässt. Es handelt sich um die mystisch geprägte Muslima Hazrat[7] Babajan (ca. 1820-1931!) und den kaum bekannten Sarmad (17. Jh.). Ihm wurde ähnliches nachgesagt wie dem Sufi, Husain ibn Mansur Al-Hallaj (858–922), der wegen seiner Worte „Ich bin Gott“ bzw. „ich bin göttlich“ in Bagdad hingerichtet wurde.
Weiterhin kommen zur Sprache:
Shri Akkalkot Majaraj (gest. 1878), Shri Gajanan Maharaj (gest. 1910), Hazrat Baba Tazuddin (1861–1925) und schließlich Kashinat Govind Upasani, der als Shri Upasani Maharaj (1870–1941) bekannt wurde. Er gilt als Inkarnation von Shirdi Sai Baba/Shri Sainat Maharaj, denn er war gewissermaßen der spirituelle Ziehsohn des Meisters und erreichte schließlich auch die Göttlichkeit (S. 142).

Bilanz
Vor uns liegt eine biografische Reise, die Shirdi Sai Baba im Kontext der religiösen Welt Indiens zeigt. Es ist ein Universum, das sich scheinbar/anscheinend mit der (westlichen) Moderne und ihrer Technisierung bestens verträgt. Mythen und reale Geschichten bleiben für den westlichen Betrachter zuweilen in unauflöslicher Spannung. Viele Inder sehen dies offensichtlich nicht so und wohl auch nicht der Übersetzer.
Die Wundergeschichten im Verlauf der Darstellung von Shirdi Sai Baba erinnern dabei in ihrer Art und Typik in vielem an die Wunder Jesu. Man meint beinahe, dass die Zeit stehen geblieben ist und sich Jesus und der indische Guru direkt begegnen. Dadurch werden natürlich alle kritischen Nachfragen zu den außerordentlichen Heilungen, den Naturwundern (z.B. Wasser in Öl verwandeln) und anderen ungewöhnlichen Handlungen ausgeblendet.
Allerdings muss man bedenken, dass das religiöse Indien für viele Menschen im Westen zuerst extrem fremdartig anmutet. Dennoch bietet gerade diese tief verinnerlichte Religiosität auch für den westlichen Menschen eine Faszination und fordert zum Nachdenken heraus. Könnte es nicht auch sein, dass rationalistische oder historische Kritik bestimmte Zusammenhänge der Wirklichkeit in einer Art Zerrbild des Verstandes sieht? Deshalb bringt es nichts, diese Geschichten einfach in den Bereich der Esoterik, des Okkultismus, der Zauberei oder gar der Tricks abzuschieben. Natürlich gibt es unter den Gurus auch Scharlatane und öffentlichkeitswirksame „Schausteller“ ihrer von der Gottheit bewirkten Taten. Wer jedoch Indien erlebt hat, weiß um die Faszination der Extreme, in die die Religion voll integriert ist. So lässt sich Kritik eigentlich nur dort festmachen, wo nach dem Zweck der Wunder gefragt wird. Die Evangelien berichten, dass es Jesus nicht um die Wunder als solche ging, sondern um die Ankündigung der Herrschaft Gottes, des Himmelreiches. Da „passieren“ Wunder oft mehr als erläuterndes Ereignis am Rande wahrer Gotteserkenntnis. So ist für die heutige (christliche) Theologie das Wunder viel stärker Symbol und Ausdruck für zuweilen auch Ungewöhnliches, was unter der Optik eines mythischen Weltbildes sich als göttliches Eingreifen erklären lässt. Hinzu kommt, dass große Persönlichkeiten in vielem über die bürgerliche Alltäglichkeit hinausragen. Das gilt sicher auch für Shirdi Sai Baba und die weiteren vom Autor im Buch  genannten Heiligen.
Nun gibt es im deutschsprachigen Bereich gar nicht sehr viel wissenschaftliche Literatur zu den im Buch genannten spirituellen Meistern mit ihren Predigten und Wundern. Auch die Angaben im Internet weisen (noch) erhebliche Lücken auf.
So wünschte man, dass dieser Lebensgeschichte des Guru, die mit der Brille des Verehrers geschrieben wurde, vielleicht eine achtsame, kritische Untersuchung folgen könnte. Sie müsste die frag-würdigen Hintergründe und Einseitigkeiten der Devotees ansprechen und könnte damit ein „realistischeres Bild“ von Shirdi Sai Baba zeichnen.

Mehr zu Shirdi Sai Baba und Blick auf Sathya Sai Baba
Reinhard Kirste

Rz-Satpathy, 14.01.2015, bearb. 13.05.2017
Erstfassung erschienen in "Orientalistische Literaturzeitung" (OLZ)





[1]  Shri (Shree, Sri) = höfliche Anrede für „Herr“ oder auch für „Heiliger“ / Sai = [persisch] Heiliger / Baba = [Hindi] „Vater bzw. Mutter“/ Maharaj, Kurzform von Maharaja (Maharadscha) = [Sanskrit] großer Herrscher
[2]  Vgl. Shri Saibaba Sansthan Trust in Shirdi: https://www.shrisaibabasansthan.org/INDEX.HTML
(abgerufen, 11.01.15)
[3]  Sathya = Wahrhaftigkeit / Wahrheit; vgl. dazu den interessanten Bericht eines Sathya Sai Baba Nahestehenden, in dem die Kritikpunkte aufgegriffen werden: http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/enthuellungen/armin-risi/sathya-sai-baba-1926-2-11-eine-hintergrundanalyse-der-kontroversen-und-kritiken.html (angerufen 13.01.15)
[4]  Avatar – ein Wiederkommender: Er ist eine Manifestation des höchsten göttlichen Prinzips, Brahman. Im Avatar kommt dieser göttliche Aspekt in der Gestalt eines Tieres oder eines Menschen immer wieder zum Vorschein. Man kann auch von einer Inkarnation der göttlichen Kraft reden, vgl. auch Anm. 1.
[5]  Diese Biografie von Shri Sai Satcharita ist auch im Internet vollständig verfügbar: http://www.saibaba.org/saisatc.html (abgerufen, 11.01.2015)
[6]  Mehr zum Neembaum (Niembaum) bei eGrain: http://www.egrainag.de/2.html (abgerufen 11.01.15)
[7]  Hazrat, abgekürzt: Hz., Titel für Verehrungswürdigkeit, bedeutet im islamisch-persisch-südindischen Raum etwa = „göttliche Gegenwart“ = seine/ihre Heiligkeit

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