Montag, 1. Mai 2017

Buch des Monats Mai 2017: Jüdische Jesus-Forschung als Herausforderung für die heutige Christologie

Walter Homolka: Jewish Jesus Research
and its Challenge to Christology Today
.     
Jewish and Christian Perspectives Series Vol 30

Leiden (NL): Brill 2016, XII, 180 pp., index
  • ISBN13-9789004331730 ---
  • E-ISBN: 97-89004331747 ---

Walter Homolka (geb. 1964) ist Rabbiner und Theologieprofessor für modernes jüdisches Denken und interreligiösen Dialog an der Universität Potsdam sowie Rektor des Abraham Geiger Kollegs. Er gehört seit vielen Jahren zu den Engagierten im interreligiösen Dialog generell und zum christlich-jüdischen Dialog im Besonderen.


       Das Verhältnis von Juden und Christen war Jahrhunderte lang
       extrem belastet.
       Die christliche Theologie hat dazu Wesentliches beigetragen.
       Das gilt gerade im Blick auf die (Heils-)Bedeutung Jesu und die
       Verurteilung der Juden als Gottesmörder.
Nun gibt es glücklicherweise auf der Ebene der historischen Jesusforschung inzwischen von christlichen und jüdischen Theologen das Interesse, die Quellen und die Authentizität des Jesus von Nazareth korrigierend zu bewerten.
Vergessen wir jedoch nicht, dass auch die christliche historisch-kritische Jesusforschung erhebliche Krisen und kirchliche Angriffe erlebte und sich erst im Laufe des 20. Jahrhunderts eine gelassenere Darstellung durchsetzte. Die theologischen Ergebnisse sind in manchen Kirchengemeinden bis heute nicht angekommen. Denn eines ist der Wanderprediger Jesus von Nazareth und ein anderes der Christus des Glaubens, wie ihn die neutestamentlichen Schriften auf unterschiedliche Weise bezeugen. Exegese und religionswissenschaftliche Forschung mach[t]en es nun notwendig, sich intensiv mit den jüdischen Wurzeln Jesu zu beschäftigen.
Jüdische Wissenschaftlicher haben darüber hinaus mit dem Problem zu kämpfen, dass die Debatte in einem Kulturbereich geführt wird, der durch das Christentum und eine langwierige Ablehnung des Judentums geprägt worden ist. Von daher ist es genau genommen eine Chance, Jesus als Juden konsequent ins Blickfeld zu rücken.
Es verwundert nun nicht, dass die wissenschaftliche Bearbeitung des Jesus von Nazareth und seiner Wirkungsgeschichte seit der Aufklärung immer auch im Horizont des christlich-jüdischen Verhältnisses stattfindet. Die Diskurse finden jedoch nicht nur auf der theologischen Ebene protestantischer Dominanz, sondern auch als Herausforderung statt, bisherige christliche Sichtweisen zu korrigieren. Dafür steht eine eigenständige jüdisch-religionswissenschaftliche Forschung. Albert Schweitzer ist es zu danken, dass er schon Anfang des 20. Jahrhunderts christliche Hegemonial-Ansprüche bewusst relativierte. Das hebt Homolka positiv hervor. Erst in einer solchen „post-kolonialen“ Situation lässt sich jüdischerseits entspannter über die Bedeutung Jesu – übrigens nicht nur als historische Person – reden.
Walter Homolka gehört nun zu denjenigen, die die exegetischen Erkenntnisse zum Leben und Wirken Jesu hermeneutisch ausweiten. Dieser Reformrabbiner riskiert über die religionsgeschichtliche Einordnung Jesu hinaus eine Formulierung jüdischer Bedeutsamkeit gegenüber den zahlreichen christlichen Christologien. Die theologische Basis seines Verständnisses ist durch den Gedanken der Absage an Absolutheitsansprüche jeglicher Art geprägt. In diesem Diskurs hat ein christlicher Exklusivismus keine Chance mehr. Wer nämlich den Anspruch Jesu im Sinn einer Heilswahrheit allein für die christliche Seite reklamiert, hat sich im Grunde schon von einem Dialog auf gleich-wertiger Basis verabschiedet. Dann bleiben nur mehr oder minder freundliche Abgrenzungen und Polemik übrig. So ist auch die christliche Theologie herausgefordert, eine Christologie (weiter) zu entwickeln, die diese Dialogoffenheit gegenüber der jüdischen Seite als Vorverständnis einbezieht. Sie wird sich mehr oder minder auf religionspluralistische Positionen einlassen müssen.
Ein solch dialog-offenes Angebot ist Homolkas religionswissenschaftlicher und jüdisch-theologischer Umgang mit Jesus. Bei ihm spielt das etwa 30jährige Leben des Nazareners eine ebenso wichtige Rolle wie seine Welt verändernde Rolle nach seinem Tode.
Im 1. Teil rollt darum Homolka die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung seit der Aufklärung noch einmal auf und ordnet die Wirkungen des historischen Jesus global ein. Rudolf Bultmann und Ernst Käsemann dürften die letzten Vertreter der deutsch-zentrierten Jesusforschung gewesen sein (S. 20). Eine Reihe von wichtigen Werken bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zieht der Autor als Belege kritisch heran. Neue hermeneutische Möglichkeiten haben die religiös orientierten Sichtweisen auf den historischen Jesus generell verändert.
Das zeigt Homolka im 2. Teil. Dort kommt er nach einem Gang durch die Geschichte jüdischer (meist polemischer) Auseinandersetzung mit Jesus seit der Antike ausführlich auf die Wissenschaft des Judentums“ seit der europäisch-jüdischen Aufklärung zu sprechen. Er hebt dabei heraus, dass der historische Jesus eindeutig jüdische Positionen vertritt und erst die christliche Theologie Neues (auch in Abgrenzung zum Judentum) einträgt. Dabei zeigen sich 3 Phasen der wissenschaftlichen Untersuchung: 1. in der Aufklärung seit Moses Mendelssohn (1729–1786, Saul Ascher (1767–1822), David Friedländer (1750–1834) u.a. (vgl. S. 42–49), 2. im 19./20. Jahrhundert, 3. in der Gegenwart.
In der 2. Phase versuchten christliche Theologen wie Adolf von Harnack (in Verbindung mit Luther und Schleiermacher) das Alte Testament zwar als wichtig, aber als „nicht-kanonisch“ abzuwerten. Sie leisteten damit indirekt oder direkt dem Antisemitismus Vorschub. M.a.W.: Die gesellschaftliche Situation des Judentums in Deutschland war für die Debatten von Juden und Christen wesentlich mitprägend.               
Die 3. Forschungsphase seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zeigt erstaunlicherweise, dass nach und nach der Messiasgedanke verstärkt aus seiner personalen Zuspitzung gelöst und gewissermaßen universal geweitet wird. Homolka selbst gehört hier zu den Vorreitern. Damit werden die Veränderungen in der (jüdischen) Messianologie zur neuen Herausforderung für christologische Messiasdeutungen.
Vgl. dazu Homolkas Beitrag: Vom Niedergang eines zentralen Deutemusters – Die Messiasvorstellung im neuzeitlichen Judentum. Zeitschrift für Religion und Geistesgeschichte (ZRG), Vol 68 (2016/1), 31–39
Im 3. Teil kommt der Verfasser als jüdischer Theologe auf die neueren und neuesten Forschungsarbeiten zur Wirkungsgeschichte Jesu zu sprechen, aber auch, wie sich Jesus in der jüdischen Literatur zeigt. Er stellt dazu die Fragen: Geht es um einen „Rückruf“, um eine „Reklamation“ oder eine „Rückführung“ Jesu ins Judentum? Vorarbeiten dazu leistete Homolka bereits in: Jesus von Nazareth im Spiegel der jüdischen Forschung:
http://www.hentrichhentrich.de/buch-jesus-von-nazareth-im-spiegel-juedischer-forschung.html 
(
Berlin: Hentrich und Hentrich 2009 – erweitert in: „Jesus Reclaimed“ (New York / Oxford [UK] Berghahn 2015): http://www.berghahnbooks.com/title/HomolkaJesus
Wichtige deutsch- und englischsprachige Theologen, Religionsphilosophen, Schriftsteller und Künstler kommen in diesem Kapitel mit ihrem Jesusbild direkt und indirekt zur Sprache. (S. 70ff u.ö.): Max Liebermann (1847–1935), Leo Baeck (1873–1956), Robert Eisler (1882–1949), Martin Buber (1878–1965), Max Brod (1884–1968), Emil Ludwig (1881–1946), Marc Chagall (1887–1985) Schalom Ben Chorin (1913–1999), Pinchas Lapide (1922–1997), David Flusser (1917–2000), Joel Carmichael (1915–2006), Michael Wyschogrod (1928–2015), Amy-Jill Levine (geb. 1956), Matthew Hoffmann (mit From Rebel to Rabbi, 2007), Mirjam Rajner, Abraham J. Heschel (1907–1972), Susannah Heschel (geb. 1956). Auf Franz Rosenzweig nimmt Homolka allerdings nicht Bezug.
Die Shoah muss als entscheidende Zäsur zwischen der älteren und neueren jüdischen Jesus-Forschung angesehen werden. Géza Vermès (1924–2013), ungarisch-jüdischer Herkunft, später katholischer Priester, steht dabei auf der Grenze im Blick auf die klassische Einordnung Jesu als Juden (S. 64ff). Neben der christlichen Rezeptionsgeschichte zu Jesus stehen trotz der erwähnten beeindruckenden Persönlichkeiten immer noch relativ wenige Wissenschaftler auf jüdischer Seite. Es macht auch einen gewissen Unterschied, ob es sich um deutschsprachige oder englischsprachige Theologen handelt.
In dialogischer Gegenüberstellung referiert Homolka noch die christlich-theologische Position von Donald A. Hagner „The Jewish Reclamation of Jesus“ (1984). So kommt insgesamt ein spannender Durchgang jüdischer Rezeptionsgeschichte zu Jesus zur Sprache. Ergänzend bringt die Archäologie bringt wichtige neue Kenntnisse zum historischen Jesus (S. 102–104).
Der 4. Teil: Jewish Quests and Christian Problems geht dann intensiv auf die jüdisch-christlichen Beziehungen in der Jesusforschung ein. Hatte die jüdische Forschung lange damit zu kämpfen, überhaupt von der neutestamentlichen (christlichen) Exegese und theologischen Systematik anerkannt zu werden, geht es inzwischen mehr um die durch die Ergebnisse, Thesen und Hypothesen entstandenen Herausforderungen. Zäsur und Schlüsselereignis zu Verständnisveränderungen bildet auch hier die Shoah.
Fast unbestrittene Voraussetzung ist, dass die Hebräische Bibel ( = Tenach), das Alte Testament, Teil des christlichen Glaubens ist. Homolka greift auf die Dominanz-Tendenzen des christlichen Westens, des „Christlichen Abendlandes“ zurück. Sie gehören auch in den Bereich des (theologischen) Kolonialismus. Die Ausgrenzungen und Judenpogrome in Europa zeigen vielmehr ein sog. christliches Abendland, das Toleranz erst in der kirchenkritischen Aufklärung sehr langsam zu lernen begann.
Als tragend für Juden und Christen scheint sich für den weiteren christlich-jüdischen Diskurs der Gedanke vom Bund Gottes zu entwickeln. Was Christen lernen mussten: Es ist der für Juden ungekündigte Bund, in den Christen erst eingeführt werden. Ein solches Konzept ist jedoch nur sinnvoll, wenn die Eigenständigkeit der jeweiligen Glaubenstradition festgehalten wird. „Dabru Emet“ (= Redet die Wahrheit), von 220 US-amerikanischen Rabbinern im Jahre 2000 verfasst, kann dafür eine klare Orientierung bieten, denn angesichts des gemeinsamen Gottes und gemeinsamer textlicher Glaubensgrundlagen und daraus folgender ethischer Werte lohnt es, den christlich-jüdischen Dialog trotz aller Differenzen voranzubringen. Daraus folgt dann, gemeinsam gegen (christlichen) Antijudaismus und für das Existenzrecht Israels einzustehen.

Spannend wird es besonders dort, wo zum ersten Mal jüdische Forscher auch daran gehen, die Anfänge des Christentums historisch-kritisch zu untersuchen und damit auch innerhalb des religionsgeschichtlichen Kontextes theologische Heilskonzepte in Frage zu stellen (S. 130). Die jüdisch-historische Jesusforschung ist damit mehr als nur die Frage nach der theologischen Wahrheit. Wir haben es hier mit einem soziopolitischen Problem zu tun, das dazu herausfordert, die christlich religiöse, kulturelle und politische Hegemonie zu überwinden „by establishing equality as the precondition of an honest dialogue“ (S. 137). Das ist nur möglich, wenn sich die Dialogpartner als gleichwertig respektieren. Auf der Ebene der Universitäten scheint diese Haltung langsam Platz zu greifen. Die christliche Heraushebung von Jesus als Messias kann allerdings nicht als Brücke gleichwertiger interreligiöser Begegnung dienen (S. 140). Die Erklärung Nostra Aetate des Vaticanum II, die Äußerungen von Papst Franziskus und die Positionen evangelischer Theologen wie Christoph Schwöbel, Christian Danz und Jan-Heiner Tück verstärken insgesamt einen Mut machenden dialogischen Klimawandel: Gemeinsame Glaubensgrundlage, historische Redlichkeit und gegenseitige Achtung sind dafür die Wegmarkierungen für ein besseres (Jesus-)Verständnis auf beiden Seiten.
Bilanz
Der reformfreudige Rabbiner Homolka nimmt die Leser/innen auf eine erstaunlich vielfältige und spannende Reise durch die jüdische Rezeptionsgeschichte zur Person Jesu mit. Mit präziser Sachkenntnis, aber ohne detaillierte Überfrachtungen, entsteht ein Panorama jüdisch-christlicher Wesenszusammenhänge. Gerade die offen bleibenden Differenzen machen einen weiteren Dialog nicht nur neugierig herausfordernd, sondern auch dringend. Jüdische und christliche Jesus-Positionen betrachtet Homolka sorgsam kritisch prüfend, „sine ira“, aber mit religionswissenschaftlichem Eifer. Seine Arbeit wirkt wie ein jüdisches Pendant zu Albert Schweitzers großartiger Darstellung „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“. Kurzum: Das vorliegende Buch hat die Tendenz zum Standardwerk ! Eine deutsche Übersetzung wäre darum sehr zu begrüßen.

Reinhard Kirste


Inhalt / Contents
Jewish Jesus Research and its Challenge to Christology Today

Editorial Statement – Preface
--- The Postcolonial Context of Jewish Interest in Historical Jesus

--- Jesus: Jewish Perceptions

1.  Historical Jesus Research: A Reception History
--- The Modern Quest of a Historical Jesus as a Quest for His Reception
--- The Development of Reception History as a Tool
--- Reception History: Global Dimensions
--- Reception History as a Secularization of the Interpretation of Scripture
--- Reception Theory in Relation to the Jewish Quest
--- Creating Space: The Emergence of New Hermeneutical and Methodological Paradigms

2.  The Jewish Jesus Quest and the Wissenschaft des Judentums
--- The Pre-Enlightenment Jewish Jesus
--- The Emergence of the Wissenschaft des Judentums
--- The Wissenschaft des Judentums and the Historical Jesus
--- The Wissenschaft des Judentums and the Concept of a Personal Messiah
--- The Legacy of the Wissenschaft des Judentums

3.  Reclaimed or Reclaiming? Recent Jewish Approaches to Jesus’s Wirkungsgeschichte
--- Jewish Jesus Research: Where to Draw the Line?
--- My Previous Contribution
--- Géza Vermès: Concluding the Classical Era of Jewish Jesus Research?
--- Diversity in the Reception History of the Jewish Jesus
--- The Jewish Jesus in Literature
--- Recent Jewish Approaches to Jesus
--- The Contribution of Archaeology to Historical Jesus Studies
4.  Jewish Quests and Christian Problems
--- The Jewish Quest of the Historical Jesus: In Search for Equality and Acceptance
--- The Historical Jesus: Challenges to Jewish-Christian Dialogue
--- The Myth of the Judeo-Christian West
--- Jesus the Jew: Implications for Future Christian Theology
--- Back to the Roots? The Value of Christian Hellenism
--- Jewish Jesus Research: Paving the Way for Common Ground
--- Conclusion: Implications and Future Perspectives
--- Bibliography – Index (sehr ausführlich !)  
Rz-Homolka-Jewish-Jesus, 30.04.17
CC

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