Montag, 19. Dezember 2016

Initiation und Transformation - Lama Govindas Weg (aktualisiert)



Lama Anagarika Govinda: Initiation.
Vorbereitung – Praxis – Wirkung. Hg.: Birgit Zotz.

Luxemburg: Kairos 2014, 104 S. --- ISBN 978-2-919771-07-3

Ausführliche Besprechung 
Der als Ernst Lothar Hoffmann 1898 im sächsischen Waldheim geborene Lama Anagarika Govinda (gest. 1985) gehört zu den wichtigen Vermittlern buddhistischer Lebensverständnisse für den Westen. Seine Studien, Begegnungen und Erfahrungen in Indien führten ihn schließlich zur Gründung des Ordens Arya Maitreya Mandala, der auch in Deutschland einige Anhänger hat. 
Sein bekanntester Schüler ist neben Armin Gottmann Volker Zotz, der mit seinem Buch „Auf den glückseligen Inseln. Buddhismus in der deutschen Kultur“ bekannt geworden ist (Theseus-Verlag 2000). 
Volker Zotz hat Armin Gottmann auch eine Festschrift zum 70. Geburtstag gewidmet: “Schnittstellen“ (2013).    

Die Herausgeberin, die österreichische Kulturanthropologin, Birgit Zotz und Ehefrau von Volker Zotz, hat nun bisher unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass Govindas zugänglich gemacht.            

Der Blick auf diesen Weisen ist deshalb so wichtig, weil Govinda als Archäologe und Buddhismusforscher immer tiefer in das Wesen des Buddhismus eindrang und dies auch den westlich Interessierten erstaunlich gut vermitteln konnte. Er hatte als Lehrmeister den nach Asien ausgewanderten Anton Gueth. Unter seinem buddhistischen Namen Nyanatiloka  (1878-1957) gründete er ein Kloster. Durch diesen empfing er auch die Ordination mit dem Namen Govinda (eigentlich: Beschützer der Kühe). Schließlich aber wandte sich Govinda dem tibetischen Buddhismus zu, weil ihn die Praxis des Vajrayana, des Diamant-Weges faszinierte, und sein Lehrer Ngwang Kalzang ihn in eine vertiefte Spiritualität einführte. Hier spielt der Buddha der Zukunft, Maitreya, eine entscheidende Rolle, denn es gilt den nach Erleuchtung und Vollendung strebenden Menschen auf den kommenden Buddha einzustimmen, So erklärt sich auch der Name des von ihm 1933 gegründeten Ordens Arya Maitreya Mandala = der Kreis des verehrten Maitreya.

Seine vielen Reisen führten Govinda nicht nur durch Asien, sondern auch immer mehr in den Westen, besonders seit 1960. Die Begegnung mit Rabindranath Tagore dürfte ebenfalls ein wichtiger Meilenstein auf seinem spirituellen Weg gewesen sein. Govinda ist kein üblicher Konvertit in den Buddhismus, sondern einer, der einen Brückenschlag zwischen Ost und West nicht nur versuchte, sondern auch selbst bewusst lebte. Das formulierte er in seinem Buch „Schöpferische Meditation und multidimensionales Bewusstsein“ (Aurum-Verlag 1977, S. 11) so:
Dieses Buch „möge ein Ansporn sein, der auch andere anregt, die Brücke in beiden Richtungen zu überqueren. In keinem Fall aber soll es jemanden veranlassen, von der einen zu der anderen Seite zu konvertieren … Denn wie bei einer Pilgerreise gilt auch hier, dass das Gehen wichtig ist und nicht das Ankommen!“

Insofern gewinnt das kleine hier anzuzeigende Buch fast eine Art Schlüsselfunktion, weil mit diesen bisher unveröffentlichten Texten aus dem Nachlass von Lama Govinda der Weg der tantrischen Einweihung dazu führen kann, die wahre Wirklichkeit zu entdecken: „Im Vollzug einer Einweihung erschließt sich … eine neue Dimension des Bewusstseins, die … eine dynamische Wandlung einleitet und vorantreibt“ (S. 35). Das bedeutet auch Individualität als ganz bei sich selbst zu sein – jenseits jeglicher Egozentrik. Birgit Zotz gibt dazu in der Einleitung bereits einige Hilfestellungen zum Wirklichkeitsbereich von Initiation. Govinda selbst macht es an der Geschichte der Einweihung des Padmasambhava durch eine Dakini (eine Art weiblicher „Engel“) deutlich:
„So erfährt die Gestalt des Padmasambhava durch diese Initiation eine vollkommene Transformation, die ihm auch neue Macht verleiht“ (S. 64) – gemeint ist die Macht über die „üblen Geister“. Und es geschieht noch mehr: „Wer den Impuls der Initiation aufnimmt, um seinen physischen Leib zum Tempel höherer Kräfte werden zu lassen, aus dem in der Folge der Diamantkörper heraustritt, … erwacht aus einen schattenhaften Zwischenzustand. Er wird zum Meister seines Lebens und Sterbens“ (S. 77).

Birgit Zotz hat nun Lama Govindas Texte systematisierend geordnet:

1.      Initiation als Quelle der Kraft

2.      Geschichte der Einweihungsriten, Symbole und Rituale

3.      Das Mysterium akzeptieren als Voraussetzung der Einweihung

4.      Äußere Handlung und innere Wirkung bei der Einweihung

5.      Initiation als inneres Geschehen und zugleich Verwandlung der Welt

6.      Auf der Linie der (tantrischen) Tradition bleiben

7.      Lebens- und Sterbenserfahrungen auf dem tantrischen Weg

8.      Magie, Mysterium, heilige Schau – mehr als psychologische Aspekte

9.      Meditation als Vorbereitung zur Initiation und Erfahrungen der Ganzheit

Die ausgewählten Texte lassen etwas von der Faszination tibetischer Mystik spüren, die auf dem Pilgerweg über das eigene irdische Leben hinaus alte Mysterien auf neue Weise erlebbar machen. Govinda hat dieser Tiefenerfahrung auch eine für westliche LeserInnen nachvollziehbare Sprache gegeben. Allerdings wäre es hilfreich, wenn dem Buch noch ein Glossar beigegeben worden wäre, weil eine Reihe von Begriffen auch vielen tibetisch-buddhistisch Interessierten nicht vertraut sein dürfte. Insofern kann man nur wünschen, dass die Gedanken und Erfahrungen noch stärker einfließen, wenn buddhistische Praxis in ihrer Vielfalt zur Sprache kommt.

Weitere Informationen zu Lama Anagarika Govinda und dem Orden Maitreya Mandala

Reinhard Kirste
Rz-Govinda-Initiation, 30.09.14, bearbeitet 19.12.2016    


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