Samstag, 18. November 2017

Franziskus von Assisi: Friedenswille und Islam-Begegnung (aktualisiert)

Franziskus versucht
Al-Kamil zu bekehren
Darstellung: 15 Jh
. (Wikipedia)
Franz von Assisi (1181/82 - 1226) hat nicht nur für ein glaubwürdiges christliches Leben, sondern auch für die interreligiöse Begegnung wichtige Impulse gegeben. Denn eine intensiv nachwirkende Begegnung mit dem Islam fand in der äußerst konfliktreichen Kreuzzugszeit statt, und zwar während des 5. Kreuzzugs 1219 mit
El-Kamil, dem Sultan von Ägypten. Statt des anfänglichen Missionierungsversuchs des hl. Franz setzt sich der friedliche Austausch durch. Der Arme aus Assisi, der "Poverello," entgrenzt" sein bisheriges Gottesverständnis. Entsetzt äußert er sich über die Brutalitäten der Kreuzfahrer.
Die Franziskaner haben diesen Impuls in der Gegenwart verstärkt fortgesetzt. Davon zeugt das Buch:
Adrian Holderegger / Mariano Delgado / Anton Rotzetter (Hg.): Franziskanische Impulse für die interreligiöse Begegnung. Stuttgart: Kohlhammer 2014, 295 S.,
Personenregister -
-- ISBN 978-3-17-023277-8 ---

Hier wird nicht nur eine Tagung aus dem Jahre 2012 an der Universität Freiburg (Schweiz) dokumentiert, sondern neben den verschiedenen Missions-Initiativen in der  weiteren Geschichte auch bewusste interreligiöse Begegnungen "auf Augenhöhe" vorgestellt, z.B. mit der schon 2005 gegründeten "Damietta Friedens-Initiative."


Die deutsche Franziskaner-Provinz hat auf ihrer Homepage
das genannte Buch kommentiert: hier 


Weitere wichtige Titel zum Thema: 

Ergänzende Literatur zur Wirkungsgeschichte:




Eine Anregung, das Leben des hl. Franz nachzuerzählen: 
BERTON, Georges / PLACE, François: Der mit den Vögeln sprach.  Eine Erzählung über Franz von Assisi.
Geschichten vom Himmel und der Erde. 

Lahr: Kaufmann / Stuttgart: Klett 1996, 40 S., Abb.




Ein weiteres beeindruckendes Kinderbuch, vorgestellt im PILGRIM-Newsletter Nr. 63 (November 2017):

                                            Cover


HUBERT GAISBAUER / BIRGITTA HEISKEL: 


FRANZ VON ASSISI. Das Leben des großen Heiligen erzählt
 und 
farbig illustriert für Kinder ab 5 Jahren 

Innsbruck-Wien: Tyrolia 2017, 26 S. --- www.tyrolia.at


Statt einer Rezension bringt der PILGRIM-Newsleiter mit dem Einverständnis von
Hubert Gaisbauer ein leicht gekürztes Interview, das sich der Buchautor 

auf Facebook selbst gegeben hat:

--- Warum hast du eigentlich dieses Kinderbuch geschrieben? 

Weil mich der Verlag gefragt hat. Aus meiner Arbeit an dem Buch Ein Brief für die Welt war ich ja einigermaßen vertraut mit der Welt und den Ideen des Franz von Assisi und wenn ich ehrlich bin auch begeistert davon. Also konnte ich eigentlich nicht nein sagen, obwohl ich spürte, dass es eine
ziemliche Herausforderung sein wird.

--- Worin lag die Herausforderung? Ein Kinderbuch für Fünf- bis Siebenjährige noch dazu mit vielen Bildern hat doch eh nur wenig Text ...
Genau das ist die Herausforderung. Ich habe vier Fassungen geschrieben; die erste hatte ungefähr zehnmal soviel Text im Vergleich zur endgültigen Fassung. Das Kürzen und Straffen und Reduzieren von Inhalten, die man sehr gerne hat, tut ja ziemlich weh. Und meine Lektorinnen waren recht kompromisslos, gleichzeitig aber behutsam genug, sodass ich mit dem Ergebnis zufrieden bin. Die mir wichtigsten Sätze haben alle überlebt.

--- Verrätst du mir einen? 
Das werde ich sicher nicht tun. Es soll jede und jeder seine und ihre wichtigsten Sätze selber finden.

--- Gibt es nicht schon genug Franziskus-Bücher für Kinder? 
Ich glaube, nach den Bibeln für Kinder kommt gleich der Franz von Assisi. Ich wollte zählen, was
war mein erster Einwand, als mich der Verlag fragte. Es soll eins werden, wie es noch keines gibt!, war die Antwort.

--- Jetzt musst du mir aber verraten, worin sich dein Buch von dem breiten Angebot unterscheidet. 
Ich glaube, dass unser Buch vor allem auch durch die Zeichnungen von Birgitta Heiskel ein ganz anderes Franziskus-Buch geworden ist. Text und Bilder zeigen den inneren Weg des jungen Franziskus, was in seiner Seele vorgeht, wenn er sich für den Weg der Armut in der Nachfolge des Jesus von Nazareth entscheidet. Und zwar so, dass es Kinder verstehen können. Ich glaube, dass auch für Kinder spürbar wird, was man theologisch Umkehr nennen könnte. 
Ein Schwerpunkt des Buches liegt sicher in Wort und Bild auf der  "Option für die Armen", die ja auch Papst Franziskus zur Namenswahl bewogen hat.
Neben der Liebe zur Natur und Umwelt kommt
auch zum Ausdruck, dass 
Franz von Assisi - nach den bösen Erlebnissen in einem der unzähligen Städtekriege in Italien - ein Friedensaktivist war, 
der nicht nur Waffen und Gewalt strikte ablehnte, sondern auch Geld und Besitz, die immer miteinander verknüpft sind. 
Manche werden vielleicht bedauern, dass bekannte Geschichten wie die vom Wolf von Gubbio oder die Vogelpredigt nicht vorkommen. Wer aber gut schauen kann, wird bemerken, dass z.B. Vögel im ganzen Buch gegenwärtig sind. An die Stelle gewohnter Bilder treten neue, deren symbolische Aussagekraft man entdecken darf. So bekommen die mystischen Schlüsselerfahrungen im Leben des Franziskus eine unkonventionelle Deutung und damit eine neue Aussage auch für Erwachsene, die Kindern vielleicht vorlesen und mit ihnen über Text und Bilder sprechen. So kann man z.B. über die Bedeutung des wunderbaren Schreitvogels inmitten der Sonne oder der roten Mohnblumen an den wichtigsten Markierungen im Franziskusleben auch mit Kindern nachdenken. Daneben ganz unaufdringliche Bezüge zu unserer Gegenwart.

--- Du sagst, dass dir die notwendige inhaltliche Reduzierung im Text weh getan hat. Welche Beziehung hast du persönlich zu Franz von Assisi? 
Sein Leben, das detailreich und vielleicht nicht immer streng historisch von Thomas von Celano und anderen Biographen nachgezeichnet und von Giotto so wunderbar in Assisi und Florenz im europäischen Gedächtnis behalten wird, hat mich von Jugend an fasziniert. Weil es auch eine Form reinster Poesie ist. Neu erwacht ist meine Liebe zu ihm, als Kardinal Bergoglio Franziskus zu seinem Papstnamen wählte. 
Und als die neue Umwelt und Sozialenzyklika mit den Worten des Sonnengesangs benannt wurde: "Laudato si".



Auseinandersetzung und Dialog mit dem Islam im christlichen Mittelalter

Aus der Reihe:
Herders Bibliothek
der Philosophie des
Mittelalters (HBPh/MA)
Mit der schnellen Ausbreitung des Islams in christliche Herrschaftsgebiete seit dem 7. Jahrhundert haben sich neben der politischen und militärischen Auseinandersetzungen auch theologische Abwehrstrategien entwickelt. Diese laufen nach der arabischen Eroberung der Iberischen Halbinsel gewissermaßen zur "Hochform" auf.
Dennoch zeigen christliche Theologen des Mittelalters, der Renaissance und der Reformation bei all ihrer Abneigung gegenüber dem Islam und dem Koran erstaunliche Sachkenntnis. Zum Teil sind diese Theologen sogar der arabischen Sprache kundig und gehen den verschiedenen originalen Textvarianten in Koran und Hadithen nach. So entstanden bereits im Mittelalter eine Reihe von Koranübersetzungen in lateinischer Sprache und entsprechende christliche, zugleich abwehrende Kommen-tierungen. Nicht zu unterschätzen sind dabei die Einflüsse jüdischer und islamischer Philosophie, die sich intensiv im Zusammenhang der Übersetzung griechischer Philosophen und besonders des Aristoteles entwickelten.

  • Harmut Bobzin: Der Koran im Zeitalter der Reformation. Studien zur Frühgeschichte der Arabistik und Islamkunde in Europa. Beiruter Texte und Studien, Bd. 42. Beirut / Würzburg: Ergon 2008, S. 44–95 --- Rezension in ThLZ, Mai 1997
  • Siegfried Raeder (Hg.): Antworten auf den Islam. Texte christlicher Autoren vom 8. Jh. bis zur Gegenwart. Neukirchener Verlag 2006, 228 S., Register
Bedeutende philosophisch-theologische Annäherungsversuche hat eine Reihe scholastischer Theologen - auch in der Auseinandersetzung mit Averroes und Avicenna - geleistet (Übersichten und Links):

  • Islamische Jüdische und christliche Philosophie des Mittelalters:
    Literaturauswahl und Kommentare
  • Alexander Fidora: Das philosophische Gespräch im Mittelalter von Gilbert Crispin und Peter Abaelard zu Ramon Llull. In: Bernd W. Springer (Hg.): Religiöse Toleranz im Spiegel der Literatur. Münster u.a.: LIT 2009,  S. 71–82 -
    -- 
    Textauszug: hier:
  • Jean FLORI: L' Islam et la fin des temps. L'interpretation prophétique des invasions musulmanes dans la chrétienté médiévale. Paris: Seuil 2007, 444 pp.--Rezension von Jean France --- Année 2008 Volume 86 ---  Numéro 2 pp. 457-462
Ein interessantes und zugleich auch politisch relevantes Beispiel bietet der Text eines Diplomaten aus dem 16. Jahrhundert:
Petrus Martyr Anglerius (1457-1526)
: Legatio Babylonica.
Die Gesandtschaft nach Babylon.
Wiesbaden: Harrassowitz 2015 --- 
Rezension: hier.


Wie sehr auch die Reformation in diese Debatten eingebunden war, zeigt, dass Martin Luther (1483-1546) zum einen in dieser mittelalterlichen Theologen-Tradition steht und zum anderen die humanistische Forderung "Zurück zu den Quellen" ernst nimmt.
Er hat nämlich einen wichtigen apologetischen Text 1542 ins Deutsche übersetzt
(vgl. dazu Bobzin: Der Koran im Zeitalter der Reformation - s.o./aaO S. 95–156 -):

Ricoldus de Monte Crucis (um 1243 -1320):
Tractatus seu disputatio contra Saracenos et Alchoranum.

Edition – Übersetzung – Kommentar von Daniel Pachurka.

Corpus Islamo-Christianum Series Latina 9.
Wiesbaden: Harrassowitz 2016, XLIX, 198 S., Indices + Appendices

(zugleich Diss. Ruhr-Universität Bochum)
--- ISBN  978-3-447-10711-2 
--- Verlagsankündigung: https://www.harrassowitz-verlag.de/title_958.ahtml
--- Rezension in Vorbereitung


CC



Islamische, jüdische und christliche Philosophie des Mittelalters - Literaturauswahl: Rezensionen / Kommentare (aktualisiert)

Averroës-Statue Córdoba
(Wikipedia)
Die Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Araber entwickelte sich zu einer kulturellen Hochblüte unter islamischer Herrschaft. Das kam nicht nur den islamisch-jüdisch-christlichen Beziehungen zugute, sondern auch der Philosophie. Die Wissenschaftler aller Religionen übersetzten nicht nur die wichtigen Werke der griechischen Antike, besonders Aristoteles, sondern führten auch deren Denkansätze eigenständig weiter.
Sie spielen für die Diskurse im christlichen Europa und der abendländischen Philosophie eine nicht zu unterschätzende Rolle, wie der Aufschwung der Universitäten in Italien mit Neapel und Bologna, Frankreich mit Paris und England mit Oxford  zeigen. 

Vgl. Liste der Universitätsgründungen: hier


Weitere Bezugspunkte:

Neben vielen wichtigen Persönlichkeiten ragen im Mittelmeerraum diese Philosophen heraus: 

Literaturauswahl zur mittelalterlichen Philosophie
 im Mittelmeerraum
  • Islamische Philosophie (Wikipedia)
  • Jüdische Philosophie (Wikipedia)
  • Klaus Samuael Davidiwicz: Von Maimonides bis Fackenheim.
     
    In: DAVID. Jüdische Kulturzeitschrift (abgerufen 17.07.2016)
  • Association freudienne internationale (dir.):
    Le Colloque de Cordove. Ibn Rochd, Maïmonide,
    Saint Thomas ou la filiation entre foi et raison.
    Castelnau-Le-Pez (France):
    Climats 1994, 532 pp.
  • Claude Addas: Ibn 'Arabi et le voyage sans retour. Paris: Seuil [1996], 2015, 139 pp.
  • Angel  Sáenz-Badillos / Judit Targarona-Borrás:
     Diccionario de Autores Judios
    (Sefarad. Siglos X–XV).
    Córdoba: Almendro 1988,  227 pp., índice
     
    ( = Lexikon jüdischer, sephardischer  Autoren,
    z.B.: Maimonides, Salomo ibn Gabirol, Mosche ben Esra)
  • Peter Adamson: Philosophy in the Islamic World.
    A history of philosophy without any gaps. Vol. 3
    Oxford Univ. Press (UK) 2016, 544 pp.
  • Roger Arnaldez: Averroès, un rationaliste en Islam. Paris: Balland 1998 
  • Maurice-Ruben Hayoun: Maïmonide ou l’autre Moïse. Pocket.
     
    Paris: Univers Poche 2013, 2ème édition
  • Reinhard Kirste: Dialog der Religionen im Mittelalter - Ramon Llull und Mallorca
  • Reinhard Kirste: Dialog mit den Religionen und den Wissenschaften,
    Vgl. bes. Das Buch vom Heiden und den drei Weisen.
      
  • Oliver Leaman: Moses Maimonides. London/New York: Routledge 1990
  • Ralph Lerner: Maimonides' Empire of Light. Popular Enlightenment in an Age of Belief.
    Chicago / London: The University of Chicago Press 2000, XIII, 217 pp., indices
  • Alain de Libéra: La philosophie médiévale.
    Paris: Presses Universitaires de France 1993, 527 pp,, Chronologie, Index
    Islam occidental / philosophie juive: p. 137-243
  • Alain de Libéra: Archéologie du sujet I + II. La quête de l'identité. 
    Paris: Vrin 2007 / 2008, 512 pp. --- Rezension: hier
  • Jacob Neusner: The Transformation of Judaism.
    From Philosophy to Religion.
    Baltimore/London: J.Hopkins 1999, 2nd edition


  • Géraldine Roux: Maïmonide ou la nostalgie de la sagesseSagesses 310. Paris: Points (Seuil) 2017, 196 pp., glossaire
    Ausführliche Besprechung: hier
  • Esther Seidel: Das Rationale und das Mystische
    in al-Andalus
     
    aus: 
    Religionen im Gespräch, Bd. 5 (RIG 5).
    Balve: Zimmermann 1998, S. 267-279f 
  • Iman Sodibjo: Understanding Religion: The Contribution of Ibn Rushd.  
    In: Mourad Wahba / Mona Abousenna (eds.): Averroës and the Enlightenment. Amherst, NY (USA): Prometheus Books 1996, S. 79–90
  • Dominique Urvoy: Averroès. Les ambitions d’intellectuel musulman. 
    Paris: Flammarion 1998, S. 156f.163ff
  • Elliot R. Wolfson: 






Interreligiöses Lernen mit Kinderbibeln und Kinderbüchern (aktualisiert)

Ein Kinderbuch von:
B. Baldi / M. Monari: 
 Rezension: hier
1.  KOMMENTIERENDE ÜBERBLICKE


2.  KINDERBIBELN 

Diana Klöpper / Kerstin Schiffner:
   Gütersloher Erzählbibel

   Gütersloher Verlagshaus 2004, 400 S., Abb.
      --- 
Rezension in "theoweb"
  • Der Klassiker !

    Irmgard Weth (Text)
    und Kees de Kort (Bilder): 
                       Neukirchener Kinder-Bibel.
    Anhang: Einführung in die Bibel und ihre Geschichten.
    Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag
    1995, 9. Aufl., 320 S., Abb. --- mit Leseprobe


3.  KINDERBÜCHER
     - MEHRERE RELIGIONEN
       EINBEZIEHEND

4.  Koran-Nacherzählungen,
     islamische Kinderbücher
und Orientgeschichten:
hier

Donnerstag, 16. November 2017

Meister Eckhart - philosophische Perspektiven und mystische Erkenntnis (aktualisiert)



Meister-Eckhart-Jahrbuch 5 / 2011.
(Rolf Schönberger und Stephan Grotz, Hg.):
Wie denkt der Meister? Philosophische Zugänge zu Meister Eckhart.

Stuttgart: Kohlhammer 2012, 198 S., mehrere ausführliche Register
--- ISBN 978-3-17-022016-4


Ausführliche Beschreibung
Mit dem Meister-Eckhart-Jahrbuch präsentiert die Meister-Eckhart-Gesellschaft die Ergebnisse ihrer Tagungen und wissenschaftlichen Forschungen nicht nur ihren Mitgliedern, sondern insgesamt einer an mittelalterlicher Mystik interessierten Öffentlichkeit. Der Schwerpunkt liegt verständlicherweise auf Arbeiten zu Meister Eckharts Leben (ca. 1260-1328) und Werk, seinen „Vor-Denkern“ sowie seiner erstaunlichen Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart. Hinzu kommen in der Eckhart-Gesellschaft umfangreiche wissenschaftliche Beiträge, auch Textausgaben, die dann gewöhnlich in den "Beiheften zum Meister-Eckhart-Jahrbuch" veröffentlicht werden.
Inzwischen ist schon das Jahrbuch 6/2012 erschienen. Es enthält u.a. Vorträge der Jahrestagung in München, die unter dem Thema Meister Eckhart im Original in München 2010 stattfand. Hier allerdings soll im Zusammenhang von interdisziplinären Grenzgängen Meister Eckharts Jahrbuch 5/2011 vorgestellt werden, Es bezieht sich auf die Jahrestagung 2009 in Regensburg mit dem bezeichnenden Titel: Wie denkt der Meister?

Im Vorwort gehen die Herausgeber auf Desiderate der Eckhart-Forschung ein: „Noch unzulänglich sind … diejenigen Fragen gestellt und bewältigt, die seine [Meister Eckharts] Denkweise betreffen und die für sie kennzeichnende Form ins Auge fassen … Wie verlaufen die Denkoperationen, die für ihn typisch sind, die ihn einerseits zu einer bedeutenden Gestalt des Neuplatonismus machen und ihm doch ein ganz eigenes Gepräge geben?“ (S. X). Das vorliegende Jahrbuch versucht, diese Lücke zu füllen.
So stellt zuerst der renommierte Philosophie-Historiker Kurt Flasch den Naturforscher und Theologen Dietrich von Freiberg (ca. 1240/1245 bis ca. 1318/1320) und Meister Eckhart als eigenständige Denker des christlichen Selbstbewusstseins vor und einander gegenüber. Bei beiden zeichnet sich der „intellectus“ als Wurzel der Seele ab, d.h., wenn die Kreatur in ihren Grund schaut, sieht sie Gott an und nimmt so ihr Wesen wahr (S. 12). Der Philosoph Jens Halfwassen (Universität Heidelberg) bleibt auf dieser Ebene, indem er – bezogen auf das unvollendete „Opus tripartitum“ Eckharts – den idealistisch orientierten Gedanken des „Ich“ allein auf Gott bezieht und das Sein im Denken begründet (= die seinslose Tätigkeit des Denkens“, S. 25). Damit denkt „der Meister“  wie kein anderer vor ihm die „absolute Subjektivität“ (S. 25). Jan A. Aertsen, Mediävist und bis 2003 Direktor des Thomas-Instituts in Köln, dagegen begutachtet – ebenfalls auf das „Opus tripartitum“ bezogen – den Stellenwert der Transzendentalien-Metaphysik für Eckharts Bibelauslegung bis hin zur Gleichsetzung der Transzendentalien mit Gott und daraus folgender Handlungsanleitungen: Wer vom Guten abfällt, fällt von Gott ab. Auch Theo Kobusch (Mediävist, Universität Bonn) geht dem Transzendenzverständnis als solchem und den Transzendentalien bis hin zur Überschreitung bisheriger kategorialen Begrifflichkeiten nach, und zwar durch die Betonung der Arbeit am Selbst (S. 54).
Nach diesen stärker theologisch und philosophisch ausgerichteten Beiträgen geht es im Folgenden mehr um hermeneutische Zusammenhänge: Markus Enders (Systematische Theologie, Universität Freiburg/Br.) zeigt Eckharts Bibelverständnis und Text-Exegese als Spiegelung göttlichen Wissens im bildhaften Ausdruck. Er stellt dazu einige Forschungsarbeiten zum Thema vor, besonders zur Bedeutung des allegorischen und mystagogischen Schriftsinnes und angesichts der Begrenztheit rationaler Beweisbarkeit. Schließlich zeigt er, dass die Verkündigung des göttlichen „alleinheitlichen“ Wortes als Christus-Wort durch die Predigt das entscheidende Ziel von Eckharts gesamter, also auch alttestamentlicher Bibelauslegung ist (S. 97). Stephan Grotz (Philosophie, Universität Mainz) stellt kritische Nachfragen an den Bibelausleger, weil Eckhart bei verschiedenen Deutungsmöglichkeiten einzelner Textstellen diese offensichtlich auf sich beruhen lässt, um dann zu zeigen, „dass die Zweizahl ( = von Subjekt und Prädikat / Satzurteil / Sache und Bezug zur Wahrheit) die Bedingung für den Wahrheitsanspruch allen Redens und Denkens ist“(S. 109). Es ist also nicht angemessen, von interpretatorischer Gewalt bei Meister Eckhart zu reden, denn eigene Auslegung und Absicht des biblischen Textes sind auf ihre gemeinsame Quelle zurückzuführen, nämlich Christus (S. 114).
Nun kommen geistige Nachfolger Eckharts ins Blickfeld: Heinrich von Gent (vor 1240–1293) und Heinrich Seuse (ca. 1295-1366): Wouter Goris (Philosophiegeschichte, Freie Universität Amsterdam) geht der aus der Theologie Augustins entstandenen Lehre von Gott als Ersterkanntem nach, die man nach Heinrich von Gent über die Transzendentalien wie „seiend“, „eins“, „wahr“ und „gut“ zuerst erfasst (S. 117). Dadurch stehen Gnade und natürliche Vernunft in einem komplementären Zusammenhang für das Ersterkannte. In der Beschreibung des vollendeten Menschen, des homo divinus und Gott als dem Ersterkannten lassen sich gewisse Überschneidungen in der Begrifflichkeit, besonders im Analogieverständnis mit Heinrich von Gent ausmachen. Ähnliches leistet Silvia Bara Bancel (Fundamentaltheologie und Biochemie, Universidad Comillas Madrid). Sie zeigt Heinrich Seuses große Nähe zu Meister Eckharts Verständnis der Sohnwerdung auf, d.h. konkret dass Gott wie in Christus so auch im guten Menschen Wohnung nimmt und dieser „christmäßige Mensch“ (S. 137) als größte Gottesgnade anzusehen ist. Das heißt immerhin etwas einschränkend, dass bei der Einswerdung mit Christus eine gewisse letzte kreatürliche Unterschiedenheit bestehen bleibt. Mit dieser Argumentationslinie versucht Seuse zugleich, die Orthodoxie Eckharts angesichts des Kölner Prozesses (seit 1225) gegen den Meister nachzuweisen.
Der Schlussbeitrag von Dietmar Mieth (Theologie und Sozialethik, Universität Tübingen) wirkt wie eine Art Zwischenbilanz der bisherigen Darlegungen, um das „wahre Selbst“ bei Eckhart genauer zu erfassen. Gerade im Denken „des Meisters“ eröffnet sich eine interreligiöse Perspektive. Das fällt besonders bei einer kritisch-argumentativen Begegnung mit dem Islam auf. Aber noch erstaunlicher weiterführend und aufregend ist der Zusammenhang, den Mieth im Vergleich von „moderner Agnostik“ des ‚überflüssigen‘ Gottes mit der religiösen Erfahrung des ‚überfließenden‘ Gottes macht (S. 163). Mieth zieht dazu besonders Edward Schillebeeckx, Burkhard Mojsisch und Hans Joas heran, um dann auf das Heiligkeitsverständnis des Lebens in der Denk-Kontinuität von Rudolf Otto, Albert Schweitzer und Hans Jonas (S. 172ff) als Indikator zu verweisen. Meister Eckhart verzichtet faktisch auf eine geistliche Tugendlehre; und die „perfectiones spirituales“ sind (nur) von ihrem Ursprung her wichtig. Ihre Dekonstruktionen durch „den Meister“ „vermögen heute noch … mitzureißen, weil sie den Weg der persönlichen Freiheit und der religiös-moralischen Verbindlichkeit zusammenführen“ (S. 179)
Immer wieder kommen die AutorInnen auf den Einfluss Platos, Aristoteles‘, Augustins, des Neuplatonismus und des Maimonides (1135/1138–1204) zu sprechen. Letzterer hat das Denken Meister Eckharts erstaunlich tief gerade im Blick auf das All-Einheits-Denken beeinflusst. Damit steht „der Meister“ in der arabisch-philosophischen Aristoteles-Rezeption, die gerade der jüdische Philosoph Maimonides herausragend repräsentiert. So betont Markus Enders – Kurt Flasch zitierend – dass „Maimonides mit seiner philosophischen Bibelerklärung und seiner radikalen negativen Theologie den größten Einfluss auf Eckharts Denken ausgeübt“ habe (S. 90).      
Wer sich intensiver mit dem philosophischen und theologischen Denkens Meister Eckharts, seiner geistig-verwandten Vorläufer, Zeitgenossen und Nachfolger befassen will, wird mit diesem Jahrbuch bestens weitergeführt.

Vgl.:  Iroki Matsuzawa: Die Relationsontologie bei Meister Eckhart. 
Augustinus - Werk und Wirkung, Bd. 7. Paderborn: Schöningh 2018, 158 S.
Verlagsinformation, Inhaltsverzeichnis und Leseprobe: hier
H
Reinhard Kirste
Rz-Meister-Eckhart-Jahrbuch